-   AHTS Red Merlin

Ich hatte gerade mein letztes Bauvorhaben abgeschlossen und suchte nach etwas Neuem. Andreas Stach präsentierte in einer Modellbauzeitung den Bausatz der Aziz von Modelslipway/ Krick, ein AHTS (Anchor Handling Tug Supply) im Maßstab 1:50. Der sollte es sein! Ein Bohrinselversorger, der aber nicht nur mit den Teilen aus dem Baukasten gebaut wird. Ich wollte eine Variante die nicht jeder fährt und die nicht zu oft am Wasser zu sehen sein würde. Also ab ins Internet, aber leider gab es dort nicht viel. Ich fand nur wenige Bilder der Aziz und Arif auf der Seite von Modelslipway

-   Bau des Modells

Durch Beziehungen zu einem Mitglied der IOS habe ich Fotos und Informationen zum Verbleib der vier Schwesterschiffe bekommen. Ich entschloss mich für die „Red Merlin“ von Care Offshore SA in ihrem Bauzustand von ca.1993. Der Grundbausatz wurde direkt bei Modelslipway in England geordert und war nach nur einer Woche in meiner kleinen Werft eingetroffen. Über den Bausatz und seine Qualität lässt sich streiten, aber der Beschlagsatz aus Weißmetall war mir zu schwer und zu ungenau geformt, um ihn zu verwenden. Daher beschloss ich so viel wie möglich vom Gewicht durch leichtere Selbstbauten und Änderungen einzusparen, um mehr Gewichtsreserven für Akkus und Funktionen zu haben. Der beiliegende Fotoätzsatz wiederum war von so guter Qualität, dass er fast vollständig in dem Modell verbaut wurde. Ich bestellte bei einem befreundeten Modellbauer noch weitere Ätzteile um eine noch bessere Detaillierung erreichen zu können. Es sollten von Anfang an einige Funktionen realisiert werden: z.B. ein funktionsfähiges Bugstrahlruder, die Schleppwinde um Anker ziehen und abzusetzen zu können, ein auslösbarer Schlepphaken und einen Pfahlzug von ca. 1,5kg um richtig zu schleppen. Den Grundbau des Rumpfes und der Aufbauten entstand nach den Vorgaben des mitgelieferten Bauplans und meinen Fotos vom Original. Der von Modelslipway gelieferter GFK Rumpf bildete die Basis dieses Modells. Schon an dieser Stelle machte ich mir Gedanken über die Motoren, die Wellen und wie ich die Ruderanlenkung bauen könnte. Da alle diese Teile unter dem Achterdeck verschwinden würden, ließ sich diese Arbeit nicht verschieben.

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der Rohbau Winde im Rohbau
Kran im Rohbau Blick auf die Winde im Rohbau
Deckshauseingang Standprobe Ladereling
Bugfender Bauaufsicht
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Die Motoren:
Meine Wahl fiel auf Langsamläufer mit großem Drehmoment bei gutem Wirkungsgrad. Nach einigen enttäuschenden Tests bot mir eine Modellbaukollege Motoren mit den von mir gewünschten Eigenschaften an. Es handelte sich um zwei Motoren aus einem Industriekopierer mit 4500U/ Min bei 12Volt und einer Stromaufnahme von 1A. Die Motoren wurden mit einer Schwerlastkupplung direkt an die Wellen geflanscht, da bei dem großen Drehmoment und geringen Drehzahlen keine Untersetzung mehr nötig war. Dies ermöglicht mir mit einem 12V/12Ah Akku eine Fahrzeit von gut 6-9 Stunden je nach Schleppauftrag und Einsatzgebiet. Die Wellen:
Bei den Wellen griff ich auf kugelgelagerte Wellen eines bekannten Herstellers für Schiffsmodellzubehör zurück. Die im Bausatz enthaltenen Wellen hatten nur Kunststofflager und in meinen Augen sind sie nicht zum Betrieb eines später fast 16kg verdrängenden Modells geeignet. Auch die beiden feststehenden Kortdüsen aus weichem Metallguss ersetzte ich durch gedrehte Aluminiumdüsen.

Die Ruderanlenkung erfolgte über ein Kettendreieck mittels Fischertechnik-Zahnrädern. Dies ist meines Erachtens eine Lösung, die am wenigsten Schwierigkeiten erwarten lässt. Das eingebaute Bugstrahlruder wurde von meinem Vereinskollegen hergestellt und hat einen doppelten Wirkungsgrad durch zwei 3-Blatt- Messingpropeller. Fertige Bugstrahlruder kaufe ich nicht gern, sondern greife lieber auf das Wissen meiner Modellbaukollegen zurück. Auch ist die Qualität dort meist besser und ein Austausch hilft immer weiter.

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Backdeck im Rohbau Erster Lichttest
Steuerstand Inneneinrichtung der Brücke
Peildeck im Rohbau Standprobe Winde
Ankerwinde Ansicht Schleppwinde
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Der Bau der Aufbauten wurde nach Plan des Herstellers begonnen, gleichzeitig wurde aber auch alle Änderungswünsche realisiert. Schon zu Anfang hatte ich den Wunsch das Modell mit einer funktionsfähigen Beleuchtung auszustatten. Daher legte ich anhand von Zeichnungen, Bauplan und Bildern fest wo welche Lampen sitzen würden, um entsprechende Kabelkanäle und Fugen anzulegen. In diesen Vertiefungen und Rohren sollten dann später die Kabel und Leitungen geführt würden. Nach ausgiebiger Suche im Internet (fast ein Jahr) fand ich noch einige wenige Bilder der Schwesterschiffe und konnte so fehlende Details erkennen und auf meinem Modell umsetzen. Der Auslieferungszustand des Schiffes entsprach nicht meinen Vorstellungen von einem fertigen Modell der Aziz. Während der Betriebsdauer des Schiffes wurden einige Umbauten vorgenommen, die ich gerne nachvollziehen wollte. Der vordere Mast wurde von der Bugspitze in Richtung Ankerwinde versetzt, die Positionen einiger Poller auf dem Arbeitsdeck wurden verändert und die Cargo-Rail komplett umgebaut. Alle diese Änderungen sind nun auch auf meinem Modell wiederzufinden. Meine funktionsfähige Schleppwinde mit 120g Zugkraft entstand auf Basis der Teile aus dem Beschlagsatz. Die schiefen Weißgußtrommeln und einige andere Teile der Winde wurden durch Aluminiumdrehteile ersetzt. Die Trommeln wurden mit Sinterlagern und einem großen Zahnrad aus einem Videorecorder bestückt. Die Windentrommel wird über einen in dem Fundament der Winde untergebrachten Getriebemotor angetrieben. Die Winde ist mit M3-Edelstahlschrauben im Deck befestigt. Die Konstruktion ist stabil genug, um einen Anker mit Tonne an Deck ziehen zu können.

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Ansicht Schleppwinde Kran
Blick auf die Winde Winde und Deckshaus
Achterdeck mit Ankertonne Reifenfender
Heckansicht Brückendeck
Peildeck mit Lackierung Bruce-Anker
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Der Schlepphaken ist ein Eigenbau und wurde nach Plänen und Bildern aus dem Internet komplett aus Messing gebaut. Das Original war nicht mit einem solchen Haken ausgestattet. Ich nutze diesen Haken für große Schleppeinsätze, bei denen die Zugkraft der Winde zu klein wäre. Zur Sicherheit meines Modell hat der Haken eine Auslösefunktion, die über einen Stahlseilzug mit Servo betätigt wird. Ein Messingrohr mit 6mm Durchmesser dient als Hakenfundament, das bis auf den Boden des Rumpfs reicht. Dort wurde es gegen Herausreißen mit einer Schraube gesichert. Wie schon beschrieben habe ich fast alle Beschlagteile aus Gussmetall ersetzt. Nicht nur das viele Teile von schlechter Qualität waren, in meinem Fall fehlten auch viele Teile. Auf den Bildern konnte man sehen, das die Aziz 6 Lüfter in verschiedene Arten und Größen hat. Diese Lüfter waren nicht oder nur in zu geringer Anzahl im Beschlagsatz enthalten. Ich fertigte daher je einen Lüfter als Prototyp an und goss die benötigte Anzahl der Lüfter in Resin. Nur die beiden Lüfter für die Hauptmaschinen sind Aluminiumdrehteile. Auch andere Beschlagteile, wie Schlauchanschlüsse, Staukästen etc. fertigte ich in Resin an. Nachdem das Backdeck und das Achterdeck fertig waren, begann ich mit dem Brückenausbau, dem Mast und der Verkabelung der Lampen. Die Beleuchtung machte mir Kopfzerbrechen. Ich benötigte Arbeitsscheinwerfer, allerdings passten die im Handel erhältlich Lampen nicht zu meinem Schiff. Glühlampen nutzte ich nur - wie im Original - bei der Brückenbeleuchtung. Alle Arbeitsscheinwerfer in Abgusstechnik inklusive LED selbst hergestellt. Diese ergeben ein sehr authentisches Lichtbild und eine perfekte Ausleuchtung der Decks bei Nachteinsätzen. Mir ist es nun möglich neben der Pflichtbeleuchtung auch noch einige Lichter zu Arbeits-,Decks- und Schleppeinsätzen über die Fernbedienung zu schalten.
Der Hauptmast entstand aus dem Bausatz, musste aber mit einigen Details an das Aussehen auf der Red Merlin angepasst werden. Als Antennen verwendete ich Gitarrensaiten mittlerer Härte, da diese nachgeben wenn man mal aus Versehen an ihnen hängen bleibt und im Fahrbertieb bei Wind und Wellen mitschwingen. Die Mastverspannung besteht aus 0,15mm Edelstahlseil und Spannschlössern aus Messing mit M1 Gewinde.Die Enden der Seile wurden um die Augbolzen der Spannschlösser gebogen, stramm gespannt und mit sehr feinem schwarzen Schrumpfschlauch gesichert.

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Beleuchtungsprobe Löschmonitore
..fertig?? Antriebe
Bunkerstation Schleppwinde mit Haken
Achterdeck Stb-Seitengang
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Ich bin ein Freund von leichten Alterungen am Modell. Da ich die Lackierung immer mit der Airbrush-Pistole vornehme, habe ich auch gleich das Arbeitsdeck und die Heckrolle mit Alterungsfarben auf Kunstharzbasis gealtert. Der Dreck in den Ritzen der Planken, Rost von der Kette und Schleifspuren der Anker wurden leicht angedeutet. Später kamen noch eine Tonne und ein 20t Bruce-Anker dazu.
Da ich keine Bilder vom Inneren der Brücke bekommen konnte, ist diese nach Bildern eines anderen Versorgers gebaut. Den vorderen Steuerstand, Kartentisch und die Windensteuerung fertigte ich ohne Planvorgaben nach meiner Phantasie.
Die nächsten Bauabschnitte waren nun die Reling, das Peildeck mit der FIFI-Ausrüstung ( Firefighting ) und den Suchscheinwerfern. Die Reling entstand aus dem mitgeliefertem Fotoätzsatz, die Suchscheinwerfer mit sehr hellen LED wurden wieder selbst hergestellt. Die Scheinwerfer haben eine Reichweite von ca. 3Metern! Die Löschkanonen aus dem Beschlagsatz entsprachen nicht meinen Vorstellung, sodass nur ein Eigenbau nach Bildern für mich in Frage kam. Auf den Originalbildern der Aziz / Arif hat das Schiff nur einen angehängten Gummifender am Rumpf. Auf den Bildern der Red Merlin sieht man aber einen fest mit dem Rumpf verschweißten Schubfender, den ich auf meinem Modell noch anformen wollte. Eine in Form geschnitten 2 mm starke Polystyrolplatte wurde mit 6 Knippingschrauben an den Rumpf geschraubt. Den Hohlraum vergoss ich mit 2K Epoxydharz um eine absolut feste Verbindung mit dem Rumpf zu schaffen. Da der Schubfender am Original aus einzelnen Gummifendern besteht, wurde Vollgummi in 8 mm Stärke geschnitten und angebracht. Der obere und untere Abschluss des Gummis wurde wie beim großen Vorbild mit Winkelprofilen versehen. Bedingt durch das Einsatzgebiet an der Küste von Schwarz-Afrika hat die Red Merlin eine große Anzahl von Reifenfendern am Rumpf. Ich benötigte daher weiche Reifen mit passendem Durchmesser und Aussehen. Diese Reifen bekam ich nach Anfrage von einem großen deutschen Kunstoffbausatz-Hersteller im Raum Herford. Die Reifen sind mit Ketten und kleinen Ösen am Rumpf befestigt und halten stärkeren Stößen mit der Kaimauer oder anderen Schiffen gut stand. Ich alterte die Reifen mit Polyurethan-Verdünnung um ein möglichst altes und gebrauchtes Aussehen zu erreichen.

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Bugansicht Deckshaus und Brücke Heckansicht Deckshaus
Kontroll-Ronde Auf Station
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Nach gut 3 jähriger Bauzeit mit zwischenzeitlichen größeren berufsbedingten Pausen war nun auch dieses Schiff fast fertig. Es fehlten noch Tiefgangsmarken, das Zeichen für das Bugstrahlruder und die Flaggen. Die Flaggen bestellte ich bei einem Modellbauer aus Bielefeld der diese in höchster Qualität auf weiches Tuch druckt. Sie sind wetterfest und UV-beständig. Ich sendete meine Bilddateien per Mail an ihn und erhielt Flaggen, die dem Original zum Verwechseln ähnlich sind. Tiefgangs- und Plimsolmarken und das Zeichen für das Bugstrahlruder wurden in Fotoätztechnik hergestellt und sind nur 0,1 mm dick. Es macht sehr viel Spaß mit dem Schiff schwerste Lasten zu schleppen oder in Modellhäfen mit dem Bugstrahlruder auf engstem Raum zu manövrieren. Der Fahrspaß wird nur noch erhöht wenn es endlich dunkel wird und ich unter vollem Arbeitslicht Ankermanöver ausführen kann.
Weitere Bilder der Red Merlin findet Ihr unter Christians-Modellwerft!

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...angespannt volle Kraft
Heckansicht Bb-Antrieb
Bb-Brückennock Ankerarbeit
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