-   Das Original

Die immer weiter fortschreitende Erschließung von Gas- und Ölvorkommen in den nördlichen Meeren füllt derzeit (immer noch) die Auftragsbücher der Werften. Gefragt sind alle Arten von Arbeits- und Versorgungsschiffen, welche vielfältige Aufgaben beim Bau, Versorgung und Sicherung der Bohrplattformen übernehmen. Eine Gattung dieser Spezialschiffe sind die Ankerzieh-Versorger, die sowohl Versorgungsaufgaben übernehmen können, als auch dem Versetzen der Bohrplattformen dienen. Eine weitere wichtige Arbeit ist, wie der Name schon sagt, das Ankerziehen. Mächtige Anker an kilometerlangen Trossen halten die schwimmende Plattform auf Position, sie müssen beim Versetzen der Bohrinsel eingeholt und wieder neu verlegt werden. Dazu benutzt der AHT (Anchor handling tug) eine mehr als stockwerks-hohe Winde ("Waterfall-winch"), in unserem Fall mit 300 t Zugkraft. AHTs werden von vielen Werften im Offshorebereich hergestellt, dieser Typ hat es allerdings in sich! Da in den besagten Gewässern wohl meist nicht mit "eitel Sonnenschein" zu rechnen ist, bestand die Aufgabe der Konstrukteure von ULSTEIN (soll man sagen "Designer"?) darin, ein absolut schlechtwetter-taugliches Arbeitsgerät zu entwerfen. Im Wellenkanal wurde dann am Modell die Tauglichkeit bestätigt. Der rückwärts geneigte Bug (X-BOW©) zeichnet sich vor allem durch ein weicheres Fahrverhalten aus, ermöglicht ein paar Knoten mehr bei Wellengang und spart auch noch Sprit. Wirtschaftlichkeit ist immer ein starkes Argument für die Reedereien. Bei dieser Bugform gibt es praktisch keine offenen Aufbauten außer der Brücke. Alles andere ist sozusagen im Rumpf integriert, was z.B. auch die Sicherheit der Mannschaft erhöht (Beim An- und Ablegen steht niemand auf dem offenen Vordeck, etc.)
Die AX102 hat eine Länge von 77m, Breite 17m, Geschwindigkeit 16kn, Pfahlzug 140t und 500m2 Ladefläche auf Deck. Sie verfügt über 2 Querstrahler hinten und einen vorn, außerdem einen Thruster unterhalb der Brücke.
Von den "Nasen" sind bereits einige auf den Meeren unterwegs und noch mehr liegen in den Werften, die BOURBON ORCA dürfte die Bekannteste sein, die ISLAND CONSTRUCTOR ist wohl augenblicklich die Größte.

-   Bau des Modells

Hier fängt mein Problem auch schon an... Die AX102 wurde zwar von ULSTEIN entworfen, bisher aber noch nicht verkauft. Ergo auch nicht gebaut...
Ich hatte mir aber speziell diesen Typ herausgesucht, da es sich um eines der kleinsten Modelle handelt, und es sollte für mich auch noch transportierbar sein. Im bevorzugten Maßstab 1:50 sind das immerhin stolze 154cm bei ~30kg Verdrängung. Immerhin gab es mal ein "fast Schwesterschiff", das zu trauriger Berühmtheit gelangte: die BOURBON DOLPHIN. Sie kenterte bei einem Verschlepp-Manöver im April 2007 vor Shetland, daher sind auch zahlreiche Fotos von ihr im Internet zu finden. Sie ist ein A102-Typ (klassischer Bug, ohne X-BOW), aber die restlichen Dimensionen dienten mir nun als Anhaltspunkt. Es gibt also keinen Bauplan, das Modell entsteht als "scratch-build" aus einigen PDF-Dateien und Fotos aus dem Netz.

Rumpf:

Eine der großen Herausforderungen war die Bugform. Mit Hilfe besagter PDFs und ein paar im Netz verfügbarer Werft-Fotos der anderen X-BOWs habe ich mir einen bestmöglichen Spantenriss gezeichnet, der dann an einem Papiermodell im Maßstab 1:200 getestet wurde. Darauf folgte die Übertragung auf einfaches Baumarkt-Sperrholz in 1:50. Dazu ließ ich mir etwa 15 Platten mit 34 cm Breite zurechtsägen. Anschließend wurden Ausdrucke der Spanten aufgeklebt und mit der Dekupiersäge ausgeschnitten. Eine (fast) klassische Helling bekam eigentlich nur das große Hauptdeck aus einem Stück Türblatt. Ich wollte das alles noch einigermaßen mobil hinbekommen, daher auch keine feste "Über-Kopf" Helling. Die restliche Stabilität mußte ein breiter Kiel beisteuern. Beplankt wurde recht großflächig mit 3mm Sperrholz. Dank einer Zeichnung war klar, daß seitlich und am Boden ebene Flächen notwendig waren und ich wählte ein Mix-Verfahren. Der Rest des Rumpfes wurde mit Balsaleisten beplankt, die aus Kostengründen aus einer größeren Platte selbst geschnitten wurden. Spanten, Balsa und Sperrholz dienen nur der Formgebung, müssen später also keine tragenden Eigenschaften übernehmen. Dazu wird der Rumpf später laminiert. Das GFK muß dann diese Aufgabe erfüllen. Nach dem allseits beliebten Spachteln und Schleifen steht denn auch irgendwann eine Roh-Form zur Verfügung, die mit 160g-470g-160g Gewebe laminiert wurde. An einigen Stellen wurde mit Glasfaser- oder Baumwoll-Schnipseln noch ein wenig aufgefüttert oder mit einem eingelegten CFK-Stab verstärkt. Der Rumpf enthält jetzt keine Spanten mehr, die Stabilität bringt die Form selbst mit. Natürlich trägt das eingelegte Deck mit dazu bei, doch auch bei der Jungfernfahrt ohne Deck hatte ich keine Bedenken. Erste Schwimmversuche zeigten, daß es mal wieder ein Schwergewicht wird!

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Beplankung Spantgerüst
Spachteln der Rumpfform erster Schwimmtest
Rumpfboden erste Grundierung
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Das tiefliegende Hauptdeck bereitete mir noch allerdings ein wenig Magengrimmen, ist mir doch bereits mein allererstes Modell (das war auch schon ein Versorger!) übers Heck untergegangen. Diesmal mußte also alles absolut dicht werden! Es läßt sich im Original wie im Modell wohl nicht vermeiden, daß gelegentlich etwas Wasser über's Hauptdeck spült. Diesmal also eine Lösung mit abnehmbaren "Sicht-Deck" und darunterliegenden Öffnungen zum Innenleben. Eine wohl gebräuchliche Lösung mit aufgeschraubten Plexi-Platten schien mir zu wartungs-unfreundlich. Ich habe mir eine Lösung von einem Vereinskammeraden abgeschaut, und 2 große Öffnungen mit den Deckeln von Frischhalte-Dosen versehen. Die sind ordentlich dicht und in Sekundenschnelle geöffnet oder geschlossen. Einziges Manko: da sie aus PP bestehen, lassen sich fast nicht kleben. Die Abdichtung der Deckel zum Deck erfolgte also mit einer umlaufenden Silikon-Naht und zahlreichen Schrauben. Die hervorragende Wellenanlage mit Gleitlagern und Lipp-Dichtung hat mir Udos Modellwerft angefertigt. Kortdüsen sowie die Becker-Ruder entstanden aus einer Künstler-Formmasse in einer Silikon-Abgußform. Ich arbeite recht gerne mit diesem Material, wenn es um exakte Duplikate geht. Es handelt sich um eine Mischung aus Pulver und einer Acryl-Dispersion, ist geruchsfrei und hat beim Verarbeiten etwa die Konsistenz von (ungeschlagener) Sahne. Allerdings muß man sich etwas beeilen, 5 min. Topfzeit können schon mal knapp werden! Nach etwa 15 min kann es aus der Form entfernt werden und lässt sich noch mit einfachem Werkzeug nachbearbeiten. Danach wird es allerdings sehr hart bis spröde, da geht dann nur noch bohren, sägen, fräsen. Für die 3 Querstrahler habe ich wieder eine Pumpen-Lösung verwendet, die sich schon bei meiner ABEILLE bewährt hat. Dabei wird kein Kegelrad-Getriebe zum Antrieb der Schrauben verwendet, die Schrauben sind nur Tarnung. Stattdessen wird aus der Propellernabe durch ein 4mm-Rohr Wasser mit einer Pumpe herausgedrückt. Mit den verwendeten Pumpen (18 l/min aus dem Camping-Bereich) läßt sich ordentlich Strömung erzeugen, einen Leistungsvergleich mit den -lärmenden- Getriebelösungen brauche ich nicht zu scheuen.

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Antriebsstrang Antriebe
Kortdüsen Querstrahler
Ruderblatt Decksöffnung auf dem Achterdeck
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Stapellauf und erste Motorerprobung war im Jan 2008. Angetrieben von 2 Bühler-Industriemotoren an 24V, 2 Raboesch-Props Typ C mit 75mm und den zwei Eigenbau-Beckerrudern entwickelt das Modell eine eher mittelmäßigen Pfahlzug von etwa 2,7 kg bei trotzdem sehr ansprechenden Fahreigenschaften. Mit einem Akku von 24V/7,2 AH läßt sich durchaus ein Sonntag Nachmittag bestreiten.

Aufbauten:

Die Decks entstehen aus einer selbst laminierten Sandwich-Platte (die ich heute allerdings etwas sorgfältiger fertigen würde...). Sandwich bedeutet: Oben und unten Glasgewebe, dazwischen irgendein -leichter- Füllstoff. Das kann durchaus auch eine geschäumte PS-Platte sein, in meinem Fall war es ein Glas-Vließ, welches speziell zu diesem Zweck angeboten wird. Auf einem billigen Baumarkt-Türblatt (leicht, absolut plan) wird ein Trennmittel aufgetragen, dann eine Schicht Deckharz. Eine Lage Glasgewebe, das Vließ und noch eine Lage Gewebe folgen. Ergebniss ist eine ca. 5 mm dicke aber leichte Platte, die äußerst verwindungssteif ist und sich hervorragend für Decks verwenden läßt, wenn man auf ein klassisches Sperrholz verzichten will. Parallel zum Rumpfbau sind natürlich auch die Aufbauten in Arbeit, Wobei allerdings bei diesem Schiffstyp von "Aufbauten" nicht wirklich geredet werden kann, sie bestehen ja eigentlich nur aus der Brücke. Die restliche Rückwand der Aufbauten besteht aus obigem Sandwich und ist teilweise abnehmbar, um an das "Innenleben" zu gelangen. Hier vorne befindet sich zwischenzeitlich die Stromversorgung, Multiswitches, Sound, etc. Die Brücke selbst entstand aus Messingprofilen und 0,5 mm Platinenmaterial. Das dünne, doppelseitig kupfer-kaschierte Material (FR4) hat den Vorteil, sich -begrenzt- biegen zu lassen, auch die zwei Hauben auf dem Dach sind so entstanden. Der von Ulstein entworfene Mast für die AX102 hat mir überhaupt nicht gefallen, er wurde durch den Mast der PX105 ersetzt, der ebenfalls aus Messingrohren und FR4 gefertigt wurde.

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Baubeginn Brücke Fensterfront
Brücke in Arbeit ...fertig
Brücke mit Mast Farbe am Unterwasserschiff
lackierte Brücke Testfahrt noch mit Grundierung
GROSS neben klein Übersicht im Rohbau
es wird... Kruzifix
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Sonderfunktionen:

Beleuchtung

Die beeindruckendsten Fotos dieser Schiffsgattung sind immer noch die Nachtaufnahmen "bei der Arbeit". Taghell wird das Arbeitsdeck mit Halogen oder Natriumdampf beleuchtet, und so soll es auch im Modell aussehen. Eine amerikanisch Modellbau-Kollegin hat für mich ein paar Halogenfluter in Harz gegossen, die von mir dann mit je 2 warmleuchtenden LEDs bestückt wurden. Sie finden in der Cargo-Rail ebenso Platz, wie auf dem Mast zur Ausleuchtung der Feuerlösch-Monitore über der Brücke. Etwa 100 kaltleuchtende Kleinst-LEDs wurden in ~25 Neonröhren verbaut. Die Neonröhren bestehen diesmal aus einem weiß-opaken Plexiglas, ca. 2,5x4mm und sind 1-2 cm lang. Dieser Streifen Plexi wurde auf der Rückseite mit einer Nut versehen, in der die LEDs ihren Platz finden. Je nach Befestigungsort wurden sie mehr oder weniger detailliert ausgeführt. In den 3 Suchscheinwerfern arbeiten Luxeon-Rebell Leuchtdioden, die man eigentlich mit 2 Watt (jeweils!) betreiben könnte. Aus Gründen der Wärmeabfuhr kann ich sie allerdings nur mit ~130mA (statt 700) antreiben... Die 6 großen Fluter für das Hauptdeck werden von Multi-chip-LEDs bedient. Dabei befinden sich in einem LED-Gehäuse 5 chips a 20 mA. Auch diese Leistung kann ich wegen der Temperatur nicht komplett abforden. Nautische Befeuerung mit ein paar grundlegenden Signalen ist geplant (Schleppverband, manövrierbehindert, etc...) Die ganze Beleuchtung wird über ein selbst entwickeltes Licht-Modul (DLC) gesteuert, das allerdings keine RC-Signale verarbeiten kann, ein Multiswitch zur Ansteuerung ist also noch notwendig. Das Modul kann auf 10 Kanälen unterschiedliche Neonröhren starten lassen, auf 2 Kanälen glimmen Halogenleuchten auf und ab. Eine Landebefeuerung ist ebenso integriert wie ein kleines 5-Kanal-Lauflicht zur Simulation eines Rundumlichts. Ein separater Doppelblitzer ist auch dabei, sowie ein Demo-Modus für Ausstellungen ohne RC.

Kran

Der Kran stammt ursprünglich von meiner ABEILLE, passt aber auch hervorragend auf die AX102. Für die ABEILLE hatte ich damals die Unterlagen von Hydramarine erhalten und eine Zeichnung angefertigt, von der dann eigene Ätz-Teile aus Messingblech entstanden sind. Zwischenzeitlich hatten dann einige Kollegen nachgefragt, mir wuchs die Sache über den Kopf. Den Kran lasse ich im Augenblick professionell ätzen, mit besserem Ergebniss ;-) Die Einzelteile bestehen aus 0,3 mm Neusilber, lässt sich prima Löten und ist stabil. Für die ABEILLE hatte ich damals mehrere Antriebs-Konzepte versucht und dann aufgegeben, diesmal hat es funktioniert! Der große Ausleger wird mit einem Getriebemotor mit Spindel betätigt, der kleine Ausleger über einen Motor im großen Ausleger. Gedreht wird über einen Motor im Turm, lediglich die Seilwicklung wird wohl nicht mehr realisierbar sein. Hier fehlen mir noch ein paar Steckkontakte zum abnehmbaren Deck und ein wenig Platz in der Zentral-Achse des Turms. Der komplette Kran wäre wohl schon einen eigenen Baubericht wert, der ja evtl. auch noch folgt...

MOB

Angedacht war eigentlich, das schon existierende (und fahrbare) Rettungsboot der ABEILLE auch hier einzusetzen. Der bewegliche David existiert bereits, allerdings klemmt es auch hier an ein paar fehlenden elektrischen Kontakten und einer Idee, wie sich das auf dem abnehmbaren Teil der Aufbauten realisieren lässt. Die Unterlagen für den David hat mir freundlicherweise wieder Hydramarine zur Verfügung gestellt, auf deren Grundlage dann aus Platinenmaterial und Messingprofilen der David entstand. Das MOB selbst wird in einer Silikon-Form in GFK laminiert. Da es sich jetzt nicht um ein schwimmfähiges Exemplar handeln muß, konnte ich mit dem Material schon richtig verschwenderisch umgehen, 2 Lagen Glasfaser führen zu stolzen 4,6 g für den Rumpf. Oberschale und Überrollbügel fehlen da natürlich noch.

Sound

Von einer Dauerberieselung mit Motorgeräuschen nehme ich lieber ein wenig Abstand. Bei den aktuellen Diesel-Elektro-Antrieben hört man fast nur Lüftergeräusche, drehzahlabhängige Motorgeräusche sind da nicht angebracht. Aber auf ein vernünftiges Horn wollte ich nicht verzichten. Diese Sounds gibt es in Massen im Netz zu finden, warum also nicht einen billig-MP3-player damit bespielen? Hier werkelt jetzt also ein einfacher MP3-Player mit EINEM Musikstück: Dem Horn. Nachgeschaltet ist ein kleiner Verstärker und ein ordentlicher Basslautsprecher. Zur Entstörung sollte man allerdings auf getrennte Stromversorgung und abgeschirmte Leitungen achten und/oder einen dicken Kondensator in der Versorgung des Verstärkers einsetzen, sonst hört man hier jedes Fiepen der Fahrtregler!

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Decksunterzüge Die erste Decksladung
Beginn der Endlackierung Cargo-Rail
Arbeitsdeck Bug in Endlackierung
Davit Drehmechanik Kran
Einzelteile Kran Kran fertig
Decksstrahler Lichtmodul
Leuchtstoffröhre Laufgang an der Brücke
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Zwischenzeitlich wurde natürlich auch am Rumpf weitergebaut, zahlreiche Details hinzugefügt und abschließend lackiert. Die rostbraune Grundierung stammt aus einer simplen Sprühdose, die Endlackierung erfolgt dann mit einer Airbrush und großer Düse. Die Cargo-Rail ist zu diesem Zweck abnehmbar, an die engen Zwischenräume würde man sonst nicht herankommen. Da das Original ja noch nicht unter einer bestimmten Reedereifarbe fährt, diente der Ulstein-Entwurf in rot-weiß als Farbvorlage. Mit dem knalligen Rot geht es auf dem See jedenfalls nicht verloren... Zahlreiche Details fehlen noch. Im Augenblick ist die Reling im Rohbau fertiggestellt und das David in Arbeit. Soeben erreichten mich auch ein paar Unterlagen über die große Schlepp- und Ankerwinde - aber das wird nochmals eine Baustelle IN der Baustelle!
Wer noch ein paar Fotos mehr sehen will: Hier ist ein kleines Fotoalbum eingerichtet, das ich regelmäßig aktualisieren will.

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Probefahrt Probefahrt
Rohbau Schleppwinde Rückseite Deckshaus
Probefahrt -
Testfahrt
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